Spare Zeit

von Johannes F. Lehmann (Februar 2026)

Öffnet man heute ein längeres Textdokument mit dem PDF-Reader Adobe Acrobat, erscheint am oberen Rand eine Art Triggerwarnung, die zugleich als Lockmittel dient: „Dies scheint ein langes Dokument zu sein. Spare Zeit und sieh Dir die Zusammenfassung des KI-Assistenten an.“ Klickt man, derart eingeschüchtert von den ungeheuren Zeitmassen, die man durch Selbstlesen verschwenden würde, und geschmeichelt von der Vorstellung, man sei Chef eines eigenen Assistenten, auf „Zusammenfassung anzeigen“, öffnet sich der Blick auf die zur Wahl stehenden Abo-Versionen:

Zeit ist Geld – und um Zeit zu sparen und die eigene „Produktivität“ zu steigern, muss man schon etwas investieren. Nun ist zwar der KI-Assistent auf der Basis der LLM-Modelle eine recht junge Erfindung (am 30.11.2022 ging ChatGPT an den Start), die Logik der Zeit-Ersparnis selbst allerdings nicht.

Zeitersparnis als alte Kulturtechnik

Sie ist auch nicht gebunden an die kapitalistische Verwertungslogik und die Schaffung von Mehrwert durch Beschleunigung und Arbeitsteilung, sondern gerade im Feld des Lesens und Schreibens eine uralte Technik zur Organisation und auch zum Erwerb von Wissen. Praktiken mit dem Ziel, Zeit zu sparen, sind zum Beispiel Registereinträge, Inhaltsverzeichnisse oder Abstracts, die das Finden von Stellen bzw. die Aufnahme von Informationen beschleunigen. Bereits in der Antike gab es Vorformen von abkürzenden Zugriffstechniken, etwa in Gestalt von Inhaltsübersichten, Kapitelgliederungen und systematischen Werkverzeichnissen. Auch die Bibelkonkordanz spart Zeit, wenn man dort schnell nachschlagen kann, wo und wie oft etwa das Wort „schnell“ vorkommt (18 Mal, zum Beispiel in Jakobus 1,19: „ein jeglicher Mensch sei schnell, zu hören, langsam aber zu reden“). Man muss dann nicht die ganze Bibel zur Auffindung dieser Stellen durchlesen, sondern man springt – zeitsparend – direkt zum gesuchten Ort.

Auch die im Mittelalter entwickelten systematischen Inhaltsverzeichnisse, Capitula, Querverweise und Stichwortsammlungen sparen Zeit, indem sie das Lesen selektiv und punktuell machen. Mit der Erfindung des Buchdrucks kommt später noch die Paginierung dazu, die wiederum die Voraussetzung für moderne Register ist.

Lesen unter dem Zeichen der Beschleunigung

Auch die Erstellung von Nachschlagewerken, Enzyklopädien und Lexika in der Frühen Neuzeit sind Praktiken der Zeitersparnis, da sie das Wissen, alphabetisch geordnet, so versammeln, dass es schnell und kompakt, in Form von Zusammenfassungen sozusagen, verfügbar ist.

Man kann natürlich auch privat Techniken zur schnellen Auffindung und Organisation des Wissens nutzen, wie Exzerpte, Zettelkästen oder Notizsammlungen, alles Praktiken der Zeitökonomie, indem sie Leseprozesse verkürzen oder ersparen.

Im 19. und 20. Jahrhundert werden dann Abstracts, Inhaltsangaben, Klappentexte sowie Zusammenfassungen von Beiträgen in Zeitschriften selbst zu einer zeitsparenden Form. Datenbanken, Suchfunktionen und digitale Hyperlinks schließlich ermöglichen es, Informationen nahezu augenblicklich aufzurufen und zwischen Texten in Sekundenschnelle hin und her zu springen.

Wie sehr Zeitersparnis beim Wissenserwerb ein offenbar auch jenseits der Schrift starkes Bedürfnis ist, erkennt man schließlich auch daran, dass es, wie man hört, Leute gibt, die Podcasts oder Videos zur Zeitersparnis in der doppelten Geschwindigkeit ablaufen lassen.

KI-Zusammenfassungen als logische Fortsetzung

Ist also der angebotene KI-Assistent im Grunde nichts Neues, sondern nur ein weiterer Schritt bei der rastlosen Suche der Menschheit, Arbeit und Zeit zu sparen? In gewisser Weise lässt sich der rasche Erfolg der KI-Systeme und der allseits geäußerten Ansicht, KI werde bleiben und alles verändern, werde die Produktivität steigern und Arbeitsplätze vernichten, damit erklären, dass das Bedürfnis, das sie befriedigt, Arbeits- und Zeitersparnis, längst da ist – und man auch im vordigitalen Zeitalter nach Beschleunigungsmöglichkeiten gesucht hat, etwa in Kursen zum Querlesen oder zu Techniken, wie man mit einem kurzen Blick auf Inhaltsverzeichnis, Einleitung und Schluss sich schnell ein Bild von dem Inhalt eines ganzen Buches machen kann – statt es mühevoll und zeitraubend Seite für Seite zu lesen.

Warum also nicht eben diese Mühseligkeit, die Zeit und Kraft kostet, den Assistenten erledigen lassen? Lies das Buch und sage mir, wovon es handelt und was die zentralen Thesen und Aussagen sind. Ein Traum? Jedenfalls arbeitet auch das gesamte Rezensionswesen im Grunde nach diesem Prinzip – oder auch der „Perlentaucher“, der Zusammenfassungen von Zeitungsartikeln, Debatten, Büchern liefert, überhaupt alle Formen von Presseschauen. Was wollte man also gegen weitere Formen der Textzusammenfassungen, die wir offenbar immer und überall haben wollen, einwenden? Mindestens zweierlei.

Erster Einwand: Kann KI überhaupt zusammenfassen?

Die Zusammenfassung kommt von einer programmierten und „trainierten“ Maschine, die zwar behauptet, denken zu können, aber nicht denken kann. Wie also ist es um die Qualität der Zusammenfassungen bestellt? Machen wir die Probe aufs Exempel und lassen ChatGPT einmal diesen Text, soweit wir gekommen sind, zusammenfassen. Zum Prompt: „Fasse den Text zusammen“, liefert ChatGPT folgendes Ergebnis:

Hier ist eine knappe Zusammenfassung des Textes:

Der Text thematisiert das Versprechen moderner KI-Assistenten, Zeit beim Lesen zu sparen, und ordnet dieses Versprechen historisch ein. Die Idee der Zeitersparnis beim Wissenserwerb ist keineswegs neu, sondern zieht sich von der Antike bis in die digitale Gegenwart: Register, Inhaltsverzeichnisse, Marginalien, Bibelkonkordanzen, Enzyklopädien, Abstracts, Datenbanken und Hyperlinks dienen alle dazu, Lesen selektiv zu machen und Informationen schneller zugänglich zu machen. Auch private Techniken wie Exzerpte oder Zettelkästen sowie Praktiken wie schnelles Lesen oder das Abspielen von Medien in erhöhter Geschwindigkeit folgen dieser Logik.

KI-basierte Textzusammenfassungen erscheinen daher als konsequente Fortsetzung eines alten Bedürfnisses nach Effizienz und Produktivitätssteigerung. Ihr Erfolg erklärt sich aus dieser langen Tradition der Beschleunigung von Wissensarbeit. Dennoch formuliert der Text einen kritischen Vorbehalt: Die Zusammenfassungen stammen von Maschinen, die nicht denken, sondern programmiert und trainiert sind, was Fragen nach der Qualität, Zuverlässigkeit und dem Erkenntniswert solcher Zusammenfassungen aufwirft.

Wenn du möchtest, kann ich den Text auch noch kürzer, thesenartig, für ein Referat oder auf wissenschaftlichem Niveau zusammenfassen.

Man muss zugeben, dass das eine Zusammenfassung ist, die Wesentliches enthält. So kann man zwar das Argument machen, dass bei vor-KI-Zusammenfassungen von Texten (in Abstracts, Lexikoneinträgen oder Handbuchartikeln) jeweils Menschen die Zusammenfassung gemacht und ihre Qualität geprüft haben und sie also als zuverlässiger gelten können. Wenn aber – und wir sind ja erst am Anfang der Entwicklung – die KI-Zusammenfassungen so gut sind wie diese, dann lässt sich zunächst auf dieser Ebene wenig dagegen einwenden.

Zweiter Einwand: Die aggressive Verführung zur Abkürzung

In aggressiver Weise drängt der Adobe Acrobat Reader dem Nutzer die Zusammenfassung auf, um letztlich Geld zu verdienen. Doch Halt, kann man wiederum rufen, schließlich ist das Kindler-Lexikon, in dem man in Zeiten vor dem Internet Zusammenfassungen von literarischen Texten lesen konnte, auch nicht umsonst gewesen. Oder man musste – starker Zeitverlust! – in die Bibliothek gehen, das Lexikon vor Ort lesen oder (auch nicht umsonst) eine Kopie machen. Dass Zusammenfassungen, die Zeit sparen, Geld kosten, ist also auch wieder nichts Neues.

Allgegenwärtige Zusammenfassungen

Neu ist nicht die Praxis der Zusammenfassungen, neu ist die Verfügbarkeit und die Reichweite des Angebots. Bei jedem geöffneten Text wird uns das vermeintliche Verschwenden von Zeit vor Augen geführt und sofort die Abkürzung angeboten. Das Lesen selbst erscheint ständig als überflüssiger Umweg. Mit der KI ist erstmals zu nahezu jedem Text eine Zusammenfassung verfügbar – und zwar, abhängig von der Bezahlversion, prinzipiell ohne Umfangsbegrenzung. Was früher nur für ausgewählte Texte, Wissenskomplexe oder kanonische Gegenstände existierte, lässt sich nun für jeden Text mit einem Prompt-Klick erzeugen und sogar noch nach Länge, Ausführlichkeit, Schreibduktus oder Aspekt zuschneiden.

Gerade die Praxis, auf der alle bisherigen Zusammenfassungen beruhten, gerät so unter Druck: das Lesen ganzer Texte. Was einst Ergänzung war, droht zur Regel zu werden. Am Horizont erscheint die Möglichkeit, jeden Text zunächst – oder überhaupt nur – in zusammengefasster Form zu konsumieren, d.h. nicht mehr zu lesen.

Was verloren geht

Ist das Lesen ganzer Texte technisch-medial von einem Zwang oder einer Notwendigkeit so zu einer freiwilligen Entscheidung geworden, treten womöglich die Qualitäten des Lesens auch jenseits der bloßen Zeitverschwendung in neuer Form ins Bewusstsein. Denn natürlich kann das bloße Lesen von Zusammenfassungen das Lesen ganzer Texte in keiner Weise ersetzen. Der Vollzug des Arguments, der Gang der Gedankenführung, durch Abwägung, Zweifel, Diskussion und Auseinandersetzung mit anderen Stimmen, all dies fällt aus den auf das Ergebnis orientierten Zusammenfassungen heraus. Die Zusammenfassung mag das Ergebnis liefern, die These, aber sozusagen ohne den Denkprozess, der dahintersteht, ohne den Weg, der im Denken vom Ziel nicht getrennt werden kann.

Verführung zum Nicht-Denken

Weil KI nicht denkt und zum Zusammenfassen von Texten auch nicht denken muss, will sie uns durch das Angebot, ihre Zusammenfassungen statt den Text zu lesen, sozusagen mit ihrem eigenen Nicht-Denken anstecken. Da Denken anstrengend ist und Zeit kostet, und der Mensch auf Arbeitsersparnis offenbar von innen (Trägheit) und von außen (die Produktivitätszwänge und die Konkurrenz mit anderen Zeitsparern) programmiert ist, hat das eine große Verführungskraft. Selbst lesen muss man von nun an wollen.

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