‚Narrativ‘ als politisches Schlagwort

von Johannes F. Lehmann (Juni 2025)

Was einem als Zeitungsleser schon seit einiger Zeit immer häufiger in die Quere kommt, ist der Begriff ‚Narrativ‘. Ein kursorischer Blick in beliebige Zeitungen belegt den fast alltäglichen Gebrauch des Wortes. Die FAZ vom 5.5.2025 referiert beispielsweise die Meinung der Grünen, „die schwarz-rote Bundesregierung bediene mit ihren Plänen „‘rechtspopulistische Narrative‘“. Die Bildzeitung wiederum spricht am 26.3.25 im Hinblick auf Prostitution davon, „dass das Narrativ vom freiwillig ausgeübten Beruf in den allermeisten Fällen ein Märchen ist.“ Der Tagesspiegel druckt, wie man dem Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache entnehmen kann, am 3.5.2025 einen Leserbrief ab, in dem es heißt, es sei „erschütternd, wie einseitig der Tagesspiegel auf den Ukrainekonflikt blickt, und wie er das Narrativ des bösen Putins bedient, der imperialistische Absichten hegt, was noch nicht mal der amerikanische Geheimdienst bestätige.“

Narrative als Mittel des politischen Kampfes

Dass im politischen Kampf Narrative gebraucht werden (oder Strategien wie ‚Storytelling‘, d.h. die bewusste Konstruktion von Geschichten, und ‚Framing‘, die Rahmung von Ereignissen), ist unter Politikwissenschaftlern seit längerem Gegenstand intensiver Forschung. Ja, es hat sich eine ganze Forschungsrichtung entwickelt, die sich „Narrative Policy Framework“ nennt und systematisch untersucht, wie Narrative Politik beeinflussen. Erste Bücher hierzu wurden schon in den 1980er Jahren geschrieben, etwa von Walter R. Fisher, seit etwa 2010, dem Gründungsjahr des „Narrative Policy Framework“, nimmt diese Forschung stetig zu.

Wenig bedacht wurde allerdings bisher, wie, warum und mit welchen Effekten das Wort ‚Narrativ‘ selbst in den Sprachgebrauch politischer wie nicht-politischer Diskurse eingedrungen ist. Es ist mittlerweile nicht mehr nur ein Begriff akademischer Beschreibung politischer Strategien, sondern ein Wort, das selbst zu einem politischen Schlagwort geworden ist.

Die steile Karriere eines Begriffs

Der google Ngram Viewer zeigt für das Deutsche den deutlichen Anstieg des Gebrauchs seit 2010:

Diese Häufigkeitszunahme ist vor allem durch den allgemeinen Sprachgebrauch und durch nicht-akademische Kontexte getrieben. Sie geht also nicht auf das Konto der Forschungspublikationen von Politikwissenschaftlern oder anderen akademischen Akteuren, sondern von Journalisten und Politikern selbst. Im Zeitungskorpus des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache sieht die Kurve der Verwendungshäufigkeit daher ganz ähnlich aus wie bei googleNgram.

Vom Fremdwort in den Duden

Diese quantitative Zunahme des Wortgebrauchs ist im Deutschen besonders bemerkenswert, da es sich bei ‚Narrativ‘ um ein aus dem Lateinischen konstruiertes Kunstwort handelt (von lateinisch: narrare = erzählen, narratio = Erzählung). Im Englischen, wo sich eine parallele Steigerung der Verwendungshäufigkeit findet, ist narrative ein allgemein gebräuchliches Wort für Geschichte oder Erzählung, ein Synonym für ‚Story‘. Es gehört seit dem 19. Jahrhundert zum Normalbestand der englischen Sprache. Erstmals wurde es 1828 in Websters American Dictionary aufgenommen. Das Wort ‚Narrativ‘ im Deutschen dagegen ist eine künstliche Neuschöpfung, die auch erst seit 2017 im Duden der deutschen Sprache verzeichnet wird.

Dass Erzählung auch narrative heißen kann, ist für das Englische somit schon viel länger selbstverständlich. Dennoch gilt auch für das Englische, dass ‚Narrativ‘ bzw. narrative, in der Bedeutung, in der es heute in Politik und Alltagssprache verwendet wird, ein Wort ist, das aus den Höhen akademischer, zunächst erzähltheoretischer, dann philosophischer, vor allem französischer Diskurse der 1960er und 70er Jahre in die Niederungen der politisch-alltäglichen Ebene herabgestiegen ist.

Narrative als Konstruktionen von Wirklichkeit

Diese Diskurse sind zugleich eng verbunden mit postmoderner Reflexion der Konstruiertheit von Wirklichkeit, die nicht nur durch Zeichen, sondern auch durch spezifische Formen erzählerischer und sprachlicher Kohärenzbildung erfolgt. Im Französischen allerdings wurde in diesen Kontexten gar nicht von ‚Narrativ‘ gesprochen, sondern von ‚récit‘, ‚discours‘ oder gar von ‚texte‘. Erst in der Aufnahme und Umformung dieser Konzepte einer durch die Struktur von Erzählungen oder Sprach- und Redeordnungen vermittelten Wirklichkeit, die Theoretiker wie Roland Barthes, Julia Kristeva, Francois Lyotard oder Hayden White entwickelt haben, entsteht später im Deutschen der Begriff ‚Narrativ‘ (im Englischen ‚narrative‘, im Französischen ‚narratif‘, das dort ebenfalls ein neu eingeführtes Substantiv ist). Seit den 1990er Jahren fand er Eingang zunächst in die Werbesprache, dann aber auch zunehmend in die Zeitungs- und dann auch in die Alltagssprache. ‚Narrativ‘ ist ein aus einem akademischen Theoriekontext abgeleitetes Kunstwort, das zu einem politischen Schlagwort geworden ist, wobei – wie immer bei Schlagworten – seine ursprüngliche Komplexität erheblich reduziert wurde, so dass es nunmehr bildzeitungsfähig ist.

Welche Funktion hat ‚Narrativ‘?

Während der Begriff ‚Narrativ‘ im Kontext postmoderner Theorie insofern neutral ist, als er zum Ausdruck bringt, dass Wirklichkeit notwendigerweise narrativ konstruiert ist (und daher auch immer machtkritisch beobachtet werden kann), wird eben dies in der Werbung zur Konstruktion von corporate identity bzw. content marketing durch ‚Storytelling‘ verwendet. Firmen verkaufen nicht nur Produkte, sondern zugleich mit ihnen und um ihretwillen Narrative. Den Ruf nach neuen, positiven Narrativen gibt es in diesem Sinne auch in der politischen Sprache. So fragt Die Zeit am 5.12.2024: „Brauchen wir deshalb ein neues ‚Narrativ‘, also eine Klimaerzählung für die große Mehrheit?“ Im Tagesspiegel vom 16.4.2025 heißt es: „Wenn es Berlin schafft, den Gedanken der (Wissenschafts-)Freiheit mit dem der Sicherheit zu kombinieren, dann bekommt die Stadt ein weltweit beachtetes Narrativ: Freiheit in Sicherheit.“ Es finden sich auch ältere Beispiele, etwa Frank Walter Steinmeier, damals noch Außenminister, der am 8. Mai 2014 sagte: „Ein frisches ‚Narrativ‘ soll her, um die Bürger wieder für Europa zu begeistern.“ In diesen Beispielen geht es um Narrative, insofern sie identitätsstiftend wirken, eine Gemeinsamkeit schaffen bzw. kollektive Mobilisierung anreizen sollen. Narrative dieser Art werden bewusst eingesetzt, um ihnen Geltung zu verschaffen.

Narrativ als Synonym für Propaganda & Lüge

Die Mehrheit der Belege zeigt aber, dass Narrativ meist negativ und als Zuschreibung für die Irrtümer oder Unwahrheiten politischer Gegner gebraucht wird, d.h. als Synonym für Lüge und Propaganda. Diese Narrative werden einerseits vom Gegner strategisch als Mittel der Propaganda oder Desinformation eingesetzt, andererseits besteht eben deshalb die Gefahr, dass Menschen ihnen auf den Leim gehen. In diesem Sinne verweist die Bundesregierung warnend auf „russische Narrative“. Genauso gut könnte da „russische Propaganda“ stehen. In der Berliner Zeitung vom 9.6.2025 identifiziert ein Artikel sogar ein „russisches Propagandanarrativ“. Auf diese Gebrauchsweise entfallen geschätzt (und ohne empirische Beweise) 60-65 Prozent der Belege. So fällt sich ein Autor im Freitag ins Wort: „Doch halt: Ist das nicht Wladimir Putins Narrativ?“ Typisch sind auch Aussagen wie: „Ein Narrativ, dessen sich die AfD nur zu gerne bedient“ (Tagesspiegel, 7.5.2025), oder: „Kritiker sagen, wer von Multipolarität redet, bedient ein Narrativ des kommunistischen Chinas, das den Westen schwächen will.“ (Tagesspiegel, 16.4.2025)

Auf der Faktencheckerseite Mimikama liest man: „Diese Aussagen passen in ein bekanntes Narrativ pro-russischer Propaganda, das versucht, westliche Demokratien als Kriegstreiber darzustellen – häufig unter Einsatz manipulativer oder frei erfundener Inhalte.“ Und im Magazin Beobachter heißt es am 29.1.2025 zur chinesischen KI Deepseek: „Die Informationen, die Deepseek zusammenträgt, werden dem Narrativ und der Propaganda des chinesischen Parteistaats entsprechen.“

In all diesen Beispielen – und sehr viele ließen sich auch zu den Kriegen gegen Covid 19 und Israel-Gaza anführen – wird Narrativ synonym für falsche Darstellung der Wirklichkeit, für Propaganda, für politisch motivierte verfälschende Darstellung benutzt. Der Gebrauch des Begriffs Narrativ impliziert dabei entweder, dass es sich um eine faktenwidrige Konstruktion handelt, oder aber, dass die Fakten in einer der Realität nicht entsprechenden Weise gewertet, selektiert oder geframed werden. Die überwiegend negative Gebrauchsweise hat mittlerweile auch dazu geführt, dass positive Verwendungen auf das deutsche Wort „Erzählung“ ausweichen.

Effekte und Folgen

Was aber ist der Effekt, wenn die Rede von Narrativen im Sinne einer falschen propagandistischen Interpretation der Wirklichkeit in dieser Weise ubiquitär wird, d.h. wenn den jeweiligen Gegnern Narrative zugeschrieben werden, die man schon dadurch disqualifiziert, dass man sie als Narrative bezeichnet? Was bedeutet es für den politischen Diskurs, dass Narrativ zu einem Schlagwort mit denunziatorischer Stoßrichtung geworden ist?

Narrativ-Vorbehalt

Zunächst: Das einst akademische, erzähltheoretische und postmoderne Wissen, dass der Mensch ein erzählendes Tier ist, dass er sich seine Wirklichkeit notwendig narrativ konstruiert, ist zu einer Art Allgemeinwissen geworden. Je mehr der Begriff Narrativ verwendet wird, desto mehr wächst das Bewusstsein dafür, dass es Narrative als Realitätsfilter gibt, dass die Wirklichkeit (und insbesondere die des politischen Gegners) mittels Narrativen gedeutet oder gar manipuliert wird. Das hat zur Folge, dass Einzelereignisse oder Handlungen verstärkt von ihrer Funktion her beobachtet und bewertet werden, nämlich im Hinblick darauf, ob und welche Narrative durch sie gestützt werden. Dies befeuert letztlich selbst eine Dynamik des Postfaktischen, in der Deutungshoheit über Narrative das Bemühen um Sachhaltigkeit verdrängt. Vor die Anerkennung und Thematisierung von Zuständen, Ereignissen oder Geschehnissen schiebt sich die Frage, welches Narrativ profitiert. Das Wissen um Narrative und der Einsatz des Begriffs zur Denunziation der Wirklichkeitskonstruktion des Gegners stellt alle Elemente der Wirklichkeitsbeschreibung gleichsam unter Narrativ-Vorbehalt. Das führt zu Einseitigkeiten und Tabuisierungen.

Die Narrative der andern

Dem anderen den Gebrauch eines Narrativs im Sinne von Unwahrheit, Propaganda, Lüge etc. vorzuwerfen, unterminiert paradoxerweise zugleich das allgemeine Bewusstsein von der notwendig und unhintergehbar narrativen Vermittlung der Wirklichkeit. Indem dem anderen zugeschrieben wird, Narrative zu nutzen, zu verbreiten oder ihnen unkritisch zu folgen, entsteht die Illusion, politische Sachverhalte selbst jenseits von Narrativen beurteilen, d.h. die Realität unvermittelt erkennen zu können. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Begriff auch in positiver Wertung gebraucht wird. Der Vorwurf, der politische Gegner folge bloß einem „Narrativ“ (etwa dem der russischen Desinformation), setzt stillschweigend voraus, dass man selbst auf kein Narrativ reinfalle und keinem Narrativ folge, also einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit habe. Damit kehrt hinterrücks jener naive Wirklichkeitsbezug wieder, den das postmoderne Konzept des Narrativen eigentlich in Frage gestellt hatte.

Und dies wiederum führt zur Immunisierung gegen Kritik. Wenn alles ein Narrativ ist, dann lassen sich Argumente gerade dadurch entwerten, dass man sie als Elemente des Narrativs des Gegners erkennt. Das Argument wird dann schon deshalb zurückgewiesen, weil es das Narrativ des Feindes stützt – und man das Narrativ des anderen um jeden Preis als Lüge und Propaganda bekämpft. So läuft der Aufstieg des Begriffs Narrativ zum politischen Schlagwort parallel zu einer immer stärker polarisierten Strukturierung der Öffentlichkeit.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar