RIP David Thomas

von Michael Niehaus (Juni 2025)

Die „Querschläge“ heißen im Untertitel „Notizen aus gegebenem Anlass“. Nun kann ein Todesfall selbstredend ein gegebener Anlass sein – allerdings die Art von Anlass, die damit genau nicht gemeint ist: ein gewissermaßen institutionalisierter oder konventioneller Anlass. Gleichwohl möchte ich die Gelegenheit ergreifen, dem Tod des Frontmanns der Rockgruppe Pere Ubu am 22. April 2025 einige Worte folgen zu lassen. David Thomas war das einzige konstante Mitglied von Pere Ubu, seit sich die Band 1975 (unter Verwendung des Titels eines berühmten Theaterstücks von Alfred Jarry) formiert hat. Das sind fünfzig Jahre – und fast vierzig Jahre hat mich diese Band (und diverse weitere Aktivitäten von David Thomas) begleitet, die ich – der ich ansonsten so gut wie nie Konzerte besuche – auch vier Mal live gesehen habe.

Wie soll man die Musik der Band Pere Ubu einordnen?

Die Musik von Pere Ubu ist – gelinde gesagt – nicht mehrheitsfähig, insofern also nicht „Mainstream“. Vor allem der Gesang von David Thomas ist es nicht. Und nicht wenige haben – jedenfalls über weite Strecken – bestritten, dass es sich überhaupt um Gesang handelt. So hat es mich gewundert, dass die Hauptorgane der deutschsprachigen Presse den Tod von David Thomas im Alter von 71 Jahren – aufgrund eines mehrjährigen Nierenleidens – überhaupt gemeldet haben. Mit „Nachruf auf ein musikalisches Zentralmassiv“ untertitelte die Süddeutsche Zeitung ihren Beitrag am 24. April und spielte damit zugleich auf den stattlichen und in jüngeren Jahren auch umfänglichen Körperbau von David Thomas an. Entsprechend schrieb Ronald Pohl am 25. April in Der Standard, er habe auf den „Rockbühnen der US-amerikanischen Postpunk-Ära […] ein Gebirgsmassiv“ gebildet: „Bei Bedarf giggelte und pfiff der massige Mann wie ein kollabierender Druckkochtopf.“ In Der Spiegel wurde von Pere Ubu hingegen als von einer „Proto-Punkband“ gesprochen, weil sie „eine der einflussreichsten Bands für die Punkbewegung“ gewesen sei, „obwohl sie sich selbst nie dort einordneten“. Die Zeit erklärte David Thomas und seine Band zu einer „Schlüsselfigur des amerikanischen Underground“. Er habe „die Entwicklung des Postpunks und des Alternative Rock“ mitgeprägt – als ein „Pionier zwischen Garage Rock und Avantgarde“ könne er gelten. Letzteres folgte gewissermaßen der Band selbst, die ihre Musikrichtung auf ihrer (standesgemäß chaotischen) Webseite und anderswo als Avant Garage ausweist.

Musikalischer Dekonstruktivismus?

Fast alle Einordnungen, die in den deutschen Nachrufen auf David Thomas und Pere Ubu vorgenommen wurden, beziehen sich auf die Zeit der ‚ersten‘ Pere Ubu, die es von 1978 (dem Erscheinen ihres ersten Albums The Modern Dance) bis 1982 (der vorläufigen Auflösung der Band) gab. Entstanden war Pere Ubu als Nachfolgeband der kurzlebigen Band Rocket from the Tombs, die der zuvor als Musikjournalist tätige David Thomas zusammen mit seinem (1977 drogenbedingt verstorbenen) Kollegen Peter Laughner gegründet hatte. Rocket from The Tombs verdiente vielleicht tatsächlich die Einordnung „Proto-Punkband“, aber David Thomas hat sie 2003 wiederbelebt und als eines seiner Parallelprojekte zu Pere Ubu mit Live-Auftritten sowie zwei neuen Alben auch lange am Leben gehalten. Proto-Punk ist, könnte man insofern sagen, nicht „Musikgeschichte“, wie uns das Feuilleton weismachen will, sondern eine Option, die neben anderen Optionen besteht. In den Babyblauen Seiten, der umfassenden Webseite mit Prog-Reviews, konstatiert Holger Grützner in Bezug das Debut-Album von Pere Ubu, The Modern Dance (1978), knapp dreißig Jahre später: „Erst wenn du dir beim Tanzversuch die Beine brichst, wirst du dich fragen, was diese Klänge denn eigentlich bewirken wollen. Ist das Punk? Oder Punk-Prog? Oder Prog-Punk? Das Feuilleton hat sich seinerzeit überboten mit Benennungen à la musique concrete, Avantgarde-Pop, Industrial Wave Pop usw.“

Noch die eher dem Idiom des Punk folgenden, „im wesentlichen aus wenigen Gitarrenakkorden und dem typischen, heiseren, oft schreienden Nicht-Gesang von David Thomas“ bestehenden Songs auf diesem Album, so Jochen Rindfrey in einer weiteren Rezension im gleichen Organ, hätten „etwas merkwürdiges, mit dem üblichen Verständnis von Punk nicht vereinbares, seien es nun die nervenzerfetzend schrill sägenden Klänge von Allen Ravenstines EML Synthesizer oder das nicht weniger nervenzerfetzend schrille Schnarren der von Thomas beigesteuerten Musette“. Andere Stücke zeigten aber „bereits avantgardistische Tendenzen“ bis hin zu dem vom Rezensenten als  „Höhepunkt“ gefeierten Stück Sentimental Journey: „eine sechsminütige Dekonstruktion, Vorbote dessen, was Pere Ubu später noch auf die Spitze treiben sollten.“ Präsentiert wurden die Klanggebilde der weiteren Alben in den folgenden Jahren überdies in Bühnenauftritten, bei denen ein mit Anzug und Krawatte auftretender David Thomas überaus exaltiert agierte. Das Publikum wusste mit den Kapriolen wenig anzufangen. Auf der letzten Platte vor der Auflösung der Band, Song of the Bailing Man (1982), klinge die Musik –  so wiederum Jochen Rindfrey aus der Rückschau – „oft so, als habe man Rockmusik in ihre Einzelteile aufgelöst und diese irgendwie ‚falsch‘ wieder zusammengesetzt – musikalischer Dekonstruktivismus eben“.

Ein musikalischer Kontinent

Auch dieses Schlagwort ist allenfalls die halbe Wahrheit. 1988 erschien David Thomas (nach einigen abseitigen Experimenten) mit Pere Ubu wieder auf der Bühne, teilweise mit bewährten, teilweise mit neuen Kräften. Nun entstanden bis 1993 vier Alben, von denen besonders die letzten drei – bei einer neuen Plattenfirma und einem erfolgserprobten Produzenten – kurze und trotz einiger klanglichen Merkwürdigkeiten weitgehend poppige Stücke enthielten und der Band 1991 immerhin einen Fernsehauftritt in der Late-Night Show des legendären David Letterman einbrachten. Die wenigen Liebhaber der frühen Platten hingegen waren enttäuscht: Die Band schien das experimentelle Nischendasein gegen einen zudem eher mäßigen kommerziellen Erfolg eingetauscht zu haben.

Mit dem Album Ray Gun Suitcase (1995) war damit jedoch wieder Schluss. Es folgt die lange, über drei Jahrzehnte bis in die Gegenwart sich erstreckende Phase, in der Pere Ubu – auch was die Besetzung der Band angeht – zu einer Art Gleichgewicht gefunden hat, das auf eine eigentümliche Weise beide Seiten inkorporiert. Es wäre jedoch verfehlt, von einer Synthese zu sprechen.

Man bekommt schon in Ray Gun Suitcase einen Eindruck davon, wo David Thomas (ansonsten eher als Parteigänger von Captain Beefheart bekannt) in dem Song „Beach Boys“ und in einer mehr als eigenwilligen Interpretation des berühmten Beach Boys-Song „Surfer Girl“ seiner Verehrung für Brian Wilson huldigt. Zerlegung ist auch eine Art von Anerkennung. In einer seiner nebenher betriebenen Projekte, David Thomas and the Two Pale Boys, zerdehnt und verfremdet er den Song „Kathleen“ aus dem Album Erewhon (1996) aus Pere Ubus ‚poppiger‘ Phase unter Zuhilfenahme seines Akkordeons bis zur Unkenntlichkeit. In einer langen Reihe neuer Alben, aber auch Remixes und Live-Dokumentationen der ‚Klassiker‘ ist in den letzten dreißig Jahren mit und um Pere Ubu eine Art musikalischer Kontinent entstanden, abseits des Mainstreams, aber vielfach vernetzt und mit einer ‚treuen Gemeinde‘. Das derzeit letzte Album – ein weiteres soll noch aus bereits vorhandenem Material erscheinen – mit dem Titel Trouble on Big Beat Street (2023) stellt vielleicht ein Höchstmaß an musikalischer Freiheit dar. Auf dem Cover wird erklärt, dass die Songs von der Band für die Aufnahme nur einmal gespielt worden seien, gemäß einem Diktum von David Thomas: „A song is best the first time it‘s played. There is no right or wrong. Only later does Error enter the frame.“ Das setzt natürlich einerseits voraus, dass die Bandmitglieder sehr gut aufeinander eingespielt sind, und es heißt natürlich nicht, dass ein Song nicht später bei Liveauftritten beliebig variiert werden kann (man vergleiche die auf Youtube verfügbaren Live-Versionen von „Final Solution“ über vierzig Jahre…). Und es entspricht auch dem „corporate slogan“ der Gruppe: Art is forever, the audience comes and goes (Ars longa spectatores fugaces, wie auf der Website übersetzt wird).

Deindustrialisierung und Krach

Es ist vielleicht wichtig zu wissen, wo diese Musik herkommt, aus der Stadt Cleveland am Lake Erie – eine Stadt der Schwerindustrie, die 1930 mit etwa 900.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt der USA war. Zwischen 1970 und 1980 – also in der Zeit, in der die Band tätig wurde – sank die Einwohnerzahl um ca. 170.000 auf ca. 573.000. Sie wurde – zusammen mit Detroit – gewissermaßen zu einem Zentrum und einem Vorreiter der Deindustrialisierung. Auf der Website der Gruppe ist zu lesen: „Cleveland is distinguished by and made unique by streets, places and sites that no longer exist. To know Cleveland is to know a half-forgotten tale […].“ Es gibt eine Studie, die – möglicherweise nicht mit den besten Beispielen – die These von der Verbindung von Deindustrialisierung und Punkmusik zu untermauern versucht (Giacomo Bottà: Deindustrialisation and Popular Music. Punk and ‚Post-Punk‘ in Manchester, Düsseldorf, Torino and Tampere. Lanham 2020), also mit Musik, die vielfach als ‚Krach‘ aufgefasst wird. Man könnte sagen: Pere Ubu beschenken uns mit einer analytischen Version dessen, was von Ferne als Krach erscheint.

Die nicht mehr schöne Stimme

Die TAZ lieferte am 29. April 2025, also eine Woche nach der Nachricht vom Tod von David Thomas, als einzige Zeitung einen längeren Nachruf, von keinem geringeren als Diedrich Diederichsen verfasst. Er erklärt, dass die ersten Takte des ersten Pere Ubu-Songs auf dem Debut-Album mit dem Titel „Non Alignment Pact“ („Linker Kanal hohes elektronisches Fiepen, rechter Kanal ein Chuck-Berry-Riff“) seiner Meinung nach „das Geheimnis der Rock- und Pop-Musik, der elektrischen, recorded music ein für alle Mal“ hörbar machten: „Es geht um irre, fremdartige Geräusche von Maschinen (ein Kanal), die aber kein Mensch aushalten würde, wenn sie nicht in klare, wahre Akkorde eingebettet wären (anderer Kanal).“ Aber es müsse noch etwas hinzukommen: „ein drittes, die Verbindung, vor allem dann, wenn man die Bestandteile vorher so aufklärerisch offengelegt“ habe wie Pere Ubu: „Diese Verbindung stiftet ein unvergleichlicher, nicht einfach technisch guter, sondern individueller, rührender oder überwältigender, verführender oder zurückweisender Gesang.“ (taz: US-Sänger David Thomas ist tot) Dieser Gesang setzt nach dem Intro ein; er ist nicht schön und vor allem nicht rein. Man kann dieser Stimme verfallen sein oder man kann sie meiden. Aber da es sich um „recorded music“ handelt, ist und bleibt sie in der Welt.

„Mainstream“

Das ist also kein Mainstream (sondern ein „Querschlag“) Aber was ist „Mainstream“? Auf der chaotischen Website der Band – „We don’t promote chaos, we preserve ist“ ist ein anderer Slogan, den man dort findet – gibt David Thomas eine entgegengesetzte Erklärung.

Mittels einer Grafik erklärt er, weshalb „Pere Ubu, among others“, den „Mainstream in pop culture“ repräsentiere, während andere, wie etwa „Lady Gaga, for example“, alles Mögliche sein könnten „but not Mainstream“.

Mainstream sei nämlich, der „Historical Imperative, der bis Mitte der 1960er Jahre auch „Pop“ hätte sein können, aber danach habe „Pop“ seine „literacy“ verloren. Diese bestehe nämlich in der „ability, facility and will to pursue an accurate portrayal of the human condition with sound“.

Soll man das ernst nehmen? Auf jeden Fall ist es eine Einladung zum Nachdenken, und auf jeden Fall ist es nicht ironisch gemeint. Beweis: Auf jeder Seite der Website der Band, des „Home of Avant Garage“ steht unten:

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