Flagge zeigen

von Johannes F. Lehmann (Mai 2025)

Flagge zeigen ist in Deutschland wieder Mode – und das in einem Land, das vor dem Hintergrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit erst 2006, während des sogenannten Sommermärchens, der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land, zu einer nahezu erlösenden Selbstbegeisterung fand, die plötzlich auch die eigene Nationalfahne einschloss, und zumindest zeitweise Unbehagen und Scham vertrieb.

Deutsche Fans beu der Weltmeisterschaft 2006 mit Deutschlandfahnen. Das Bild soll zeigen, dass die deutsche Flagge ohne Scham gezeigt wurde.

Gleichwohl steht die Deutschlandfahne zurzeit nicht im Zentrum des allgegenwärtigen Flagge-Zeigens, man sieht sie zwar weiterhin im Stadion bei Länderspielen, vor Schloss Bellevue und auf dem Reichstag, sonst aber eher am Revers von Afd-Politikern. Die Flaggen, die ich meine, sind Ukraine- und Israelfahnen – und man sieht sie vor Kultureinrichtungen, Theatern, Museen, auf Rathäusern, vor Parteizentralen und auch an Universitäten (Palästinafahnen sieht man auch, aber nicht vor Institutionen, sondern auf Demonstrationen).

Imagepflege first

Flaggen dieser Art zeigen gehört zur Imagepflege staatlicher bzw. öffentlicher Institutionen. Man zeigt Haltung, gibt sich staatstragend, unterstützt symbolisch die offizielle Politik, die Waffen in die Ukraine und nach Israel liefert. Wer keine Flagge zeigt, würde zeigen, dass er keine zeigt. Man könnte also sagen, dass man nicht nicht Flagge zeigen kann. Um das Image zu wahren, hisst man daher, wie die anderen, die Flaggen. Dazu raten sicher auch die PR-Agenturen, insbesondere die Abteilungen der Krisen-PR, die dazu erfunden worden sind, negative Presse bereits zu antizipieren und „proaktiv“ abzuwehren. Sie kümmern sich darum, dass es gar nicht erst zu Kritik und Krisen kommt.

Ukraineflagge am Gebäude der Humboldt-Universität Berlin.

Bild: Ukraine-Flagge vor dem Fenster des Wilhelm von Humboldt-Saal in der Staatsbibliothek Berlin, Unter den Linden, aufgenommen am 15.11.2024

EU-Flagge, Israel-, Ukraine- und Deutschlandfahne vor dem Rathaus Gütersloh.

Bild: Israel- und Ukrainefahne zwischen EU- und Deutschland-Flagge vor dem Rathaus Gütersloh, seit 12.10.2023, Foto: Webseite der Stadt Gütersloh

Flaggengeschichte

Schon immer gehörten Fahnen, die es in der einen oder anderen Form seit mindestens 5000 Jahren gibt, in den Kontext von Kriegen, wo sie zur Bezeichnung der feindlichen Heere in der Schlacht dienten. Sie entwickelten sich aus Standarten und waren ursprünglich aus Metall, Leder oder Holz. Aus Stoff sind Fahnen, vermutlich aufgrund der chinesischen Seidenerfindung vor 3000 Jahren, bereits seit 700 n. Chr. Durchgesetzt haben sich die Stofffahnen in Europa vor allem während der Kreuzzüge. Ebenfalls seit dem Mittelalter entwickelten sich Regeln für das Flaggenführen auf See. Nationalflaggen wiederum gibt es erst seit dem Durchbruch des Nationalstaats in der Folge der Amerikanischen und Französischen Revolution.

Flaggen auf Social Media

Nationalitäten und Kriege bilden auch gegenwärtig den Kontext für die allseitige Beflaggung. Wir sehen sie heute allerdings längst nicht mehr nur materiell und klirrend im Wind, sondern auch als graphische Pixel auf Homepages und Accounts, etwa bei X, ehemals Twitter. Hier ist es geradezu üblich, den eigenen Account mit Flaggen zu zieren, etwa mit dem Symbolbild der Israel- oder Ukraine- oder Palästinaflagge, um gleich anzuzeigen, dass und wie man Partei nimmt. In der Corona-Pandemie, in der auch eine Art Krieg (gegen das Virus) geführt wurde, entwickelten sich flaggenähnliche Symbole, die klarmachten, zu welcher Seite man gehört: Drei Spritzen oder rote Punkte etwa standen für Impfpflicht und härtere Lockdowns. Auch hier herrschte die Kriegslogik von Freund und Feind.

Totalisierende Sichtbarkeit

Diese Art des Flaggezeigens ist allerdings nur ein Symptom dafür, wie sich die öffentliche Kommunikation insgesamt seit der Erfindung des Smartphones im Jahr 2007 in nie dagewesener Form verändert hat. Noch nie ist die Welt so lückenlos, so flächendeckend und so sehr in Echtzeit beobachtet worden und noch nie sind so viele Meinungen, Aussagen und Kommentare so allgegenwärtig sichtbar gewesen. Es ist diese totalisierende Sichtbarkeit, die der gezeigten oder nicht gezeigten Flagge eine so große Bedeutung verleiht und die Binarität des Zeigens/Nicht-Zeigens befeuert. Wer Flagge zeigt, wappnet sich in einer Welt der permanent möglichen Fotografier- und Filmbarkeit (mit potentiell riesigen Reichweiten dieser Fotos und Filme) vor dem Skandal, dabei öffentlich beobachtet zu werden, (keine) Flagge zu zeigen. Wenn alles von allen beobachtet wird, muss auch allen das Entscheidende gezeigt werden. Dieses Kippen des Inneren nach Außen, der öffentlich sichtbar gemachten politischen Positionierung auch nicht-politischer Institutionen, gilt auch für jene Flaggen, die die Smartphonebenutzer selbst in ihren Accountgestaltungen verwenden. Es sind mittlerweile 6,7 Milliarden Menschen und sie alle können aufnehmen und senden. Smartphonebesitzer beobachten nicht nur pausenlos die Welt, sondern sie können auch selbst und sollen ja auch (mindestens von den Followern) pausenlos beobachtet werden.

Das Private und das Öffentliche

Einen erheblichen „Image-Verlust“ (so ZDF heute) musste, so ein jüngeres Beispiel, etwa die TU-Berlin erleiden, als ihre Präsidentin Geraldine Rauch beim Liken eines (geschmacklosen) israelkritischen Posts beobachtet worden war. Aber nicht nur für Universitäten wird es zum Problem des eigenen Images, wenn Wissenschaftler imagewidrig ausscheren, sondern auch Kulturreferate der Städte haben schnell Probleme, wenn Künstler, die man unter Vertrag hat, dabei beobachtet werden, wenn sie bestimmte Symbole zeigen, bestimmte Posts liken oder gar reposten. Soll man ihnen kündigen? Oder riskiert man den Imageschaden, selbst dabei beobachtet zu werden, sich mit Leuten von der anderen Seite gemein zu machen? Die allgegenwärtige Beobachtbarkeit und die allgegenwärtige Öffentlichmachung des Beobachteten stülpt Vieles, was früher innen bzw. privat war, nun nach außen. Vor dem Smartphonezeitalter war es zumeist unbekannt und auch unwichtig, was die eine oder andere Pianistin zu dem einen oder anderen politischen Konflikt für eine Meinung hatte – nun aber, wenn sie sie direkt oder auch nur indirekt kundgibt (die besten Verträge kriegen jene, die die meisten Follower auf Social Media mitbringen) – bzw. ihr Likeverhalten beobachtet wird, ist all dies öffentlich. Und da auch alle Kultur-Institutionen beobachtet werden, müssen auch diese nun Flagge zeigen und Künstler oder Wissenschaftler ausladen, wenn deren Meinung und Äußerungen für die eigene Homepagepräsentation ein Imageproblem sein könnte.

Fahnenwörter

Dieses Phänomen des allseitigen Flaggezeigens als der zugrundeliegenden Logik einer zunehmend bellizistischen Öffentlichkeit, die das Entweder-Oder prämiert, weil es – Null oder Eins – am einfachsten zu beobachten und am schnellsten zu kommunizieren ist, zeigt sich schließlich auch in der Sprache. Die Linguisten sprechen allerdings schon seit 50 Jahren von sogenannten Fahnenwörtern (Walther Dieckmann: Sprache in der Politik, 1975), die vorrangig den Zweck haben, innerhalb einer Zweiseitenlogik die eigene Position auszuflaggen. Das Phänomen ist nicht neu. Bereits in den 70er Jahren konnte man beobachten, dass bestimmte Begriffe als Fahnenwörter für bestimmte Positionen gebraucht wurden, ja, man hat ganze Lexika solcher Wörter gesammelt. (Oswald Panagl: Fahnenwörter der Politik, 1998). Beispiele sind hier etwa: Solidarität, Umverteilung, Flexibilisierung. Begriffe, die der eigenen Position einen wohlklingenden, werbenden Namen zuweisen wollen. Heute dagegen, und das ist das Neue, funktionieren Fahnenwörter tatsächlich als Kriegsfahnen innerhalb einer binären Struktur. So ist es kein Zufall, dass in einem jüngeren Beitrag über Fahnenwörter (in: Forschung und Lehre 10/24) diese am Beispiel der Alternative von Flüchtling – Geflüchteter erläutert werden. In diesem Beispiel nämlich gibt es nicht einfach ein Schlagwort, das die eigene Position bewirbt, sondern ein Entweder-Oder, das innerhalb eines politischen Kampfes, in diesem Fall um Migration, die jeweilige Seite markiert. Damit wird nun auch (je nach Milieu stärker oder schwächer) die Alltagskommunikation (und die Sprache in den Medien) politisiert, ob man will oder nicht, zeigt man Flagge oder nicht.

Freund oder Feind

Die allgegenwärtige Praxis des Flaggezeigens – sei es durch sichtbare Symbole im öffentlichen Raum oder sprachlich durch eindeutige Parteinahme – bleibt nicht ohne tiefgreifende Nebenwirkungen. Als Kollateralschäden dieser symbolischen Raumbesetzung lässt sich eine Verstärkung jener Kriegslogik beobachten, die dem Akt des Flaggezeigens selbst eingeschrieben ist: eine Logik des Freund-Feind-Denkens, der Lagerbildung, der Sichtbarmachung von Zugehörigkeit durch Abgrenzung.

Gerade weil das Flaggezeigen eine klare Positionierung verlangt und diese als moralisch notwendig oder alternativlos inszeniert, trägt es dazu bei, Zwischenräume für Ambivalenz, Vermittlung oder kritische Reflexion zunehmend zu verschließen. In dem Moment, in dem das öffentliche Bekenntnis zur Pflicht wird, geraten Haltungen, die sich dem eindeutigen Lagerzuweisungsimperativ entziehen – also das Unentschiedene – unter Rechtfertigungsdruck oder verschwinden ganz aus dem sichtbaren Diskurs. Indem man „Flagge zeigt“, reproduziert man mithin nicht nur ein Symbol, sondern wirkt aktiv an der Binärlogik mit, die auf Polarisierung statt auf Differenzierung setzt. Die Räume des Dazwischen, der vorsichtigen Auseinandersetzung, der zivilen Ambiguität – sie werden in dieser Semantik zunehmend unwahrscheinlich, ja unmöglich gemacht.

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