von Michael Niehaus (April)
Vielleicht wissen nicht alle, was mit der Wortschöpfung „Adele World“ gemeint ist, obwohl sie schon davon gehört haben, dass Adele (bürgerlich: Adele Laurie Blue Adkins) eine Sängerin ist, die gut singen kann. Gewiss aber ist es von Vorteil, wenn jemand, der der Musik von Adele überhaupt nicht nahesteht, von weit außen einen nüchternen Blick auf die Adele World wirft und sich seine Gedanken macht. Es ist wie so oft: Nur aus der Distanz erschließt sich das Phänomen. Wer nicht mehr darüber erstaunt, hat schon verloren. Insofern wird man aus dem Folgenden möglicherweise nichts Neues erfahren, aber etwas neu vor Augen geführt bekommen.
Die stationäre Tournee
Eigentlich kann man das Wesentliche auch in der deutschen Wikipedia nachlesen, nämlich in dem Artikel „Adele in Munich“, oder auf der Website https://www.adeleinmunich.de/ – und natürlich an vielen anderen Orten. Dass allerorten darüber berichtet wurde, gehört schon zum Phänomen, das man aus der Ferne betrachten muss. In München hat die Adele World stattgefunden, weil die britische Sängerin es vorzog, ihre Tour im Sommer 2024 zu bestreiten, ohne auf Tour zu gehen: Alle Konzerte der „Europa-Tournee“ fanden in München statt, und dort wurde eben die Adele World aufgebaut. Insgesamt hat Adele zwischen dem 2. und dem 31. August zehn Konzerte gegeben. Über 700.000 Menschen haben die Show gesehen. Das Besondere – und bisher Einmalige – besteht darin, dass von rund 700 Mitarbeitern ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 75.000 Zuschauern exklusiv für diesen Event errichtet und nachher wieder abgebaut wurde. Dies geschah auf dem Münchner Messegelände auf einer Fläche von ca. 400.000 Quadratmetern. Es wurden 75.000 Quadratmeter wasserdurchlässigen Asphalts verlegt. Die Kosten sollen über 100 Millionen Euro betragen haben. Die Stadt München verzeichnete ein Umsatzplus von etwa einer halben Milliarde Euro (und, wie freilich nur an entlegener Stelle zu lesen, ein „klimapolitisches Fiasko“).
Event ohne Ereignis
Soweit ein paar Eckdaten. In den Medien wurden fast ausschließlich die Superlative betont, die dieses Konzertgeschehen mit sich brachte. Allein schon, dass man es für ganz selbstverständlich hält, dass sich die Aufmerksamkeit nicht auf die Konzerte selbst, sondern auf diese Superlative richtete, ist bemerkenswert. Die Konzerte sind eben nicht weiter der Rede wert. Sie verschwinden in der Berichterstattung, weil ihnen der Ereignischarakter völlig abgeht. Der Event (eigentlich das englische Wort für Ereignis) besteht gerade nicht mehr darin, dass etwas geschieht, was man nicht vorher gewusst hat, da alles genau nach Plan ablaufen muss und Adele an allen Abenden genau so und mehr oder weniger auch genau das singt, was man von ihr erwartet hat. Die sogenannte ‚perfekte Show‘, die Adele und viele andere abliefern, ist ein Event, der das Gegenteil eines Ereignisses ist. Und die Perfektionierung besteht darin, dass restlos alles auf den Auftritt der Sängerin zugeschnitten ist. Dieses Zugeschnittensein lässt sich mit dem Namen Adele World belegen.
Stadionkonzerte einst und jetzt
Man muss über Perfektionierung nachdenken. Es war nicht immer so, dass Musiker oder Sängerinnen in Stadien spielten. Geht man an die Anfänge zurück, kann man sich den Prozess der Perfektionierung sehr plastisch vor Augen führen. Das erste große Stadionkonzert in der Geschichte der Popmusik war das Konzert der Beatles im Shea Stadium vor ca. 55.000 Zuschauern am 15. August 1965. Die Beatles kamen – angekündigt von einem älteren Herrn auf der Bühne – aus den Katakomben des erst im Jahr zuvor eröffneten Baseballstadions der New York Mets, eilten im Laufschritt und winkend in adretter Kleidung über den Rasen, bestiegen die Bühne, stimmten erst einmal ihre Instrumente und schrien dann einige Hallos ins Mikrofon. Darauf begann ein Konzert, das, wie die Zeitschrift Rolling Stone 2020 in einem Artikel zum Gedenken daran schrieb, eines der „berühmtesten Konzerte der Pop-Geschichte“ geworden sei, „obwohl niemand etwas gehört oder gesehen haben kann“. Das lag, was das Akustische angeht, daran, dass alle kreischten, dass die bandeigenen Lautsprecher nur 100 Watt hatten und „auch die Station-Sprechanlage […] überfordert“ war. Und es lag, was das Visuelle angeht, daran, dass die „von den Zuschauerplätzen aus streichholzgroßen Beatles“ kaum zu sehen waren.
Es war also ein langer Weg der Perfektionierung zurückzulegen von den Beatles, die in einer wirklichen – also widerständigen – Welt agierten, bin hin zu Adele, die einer unwirklichen – und widerstandslosen – Adele-Welt agiert. Zunächst einmal ist die übliche ovale Form eines Sportstadiums für Konzerte eigentlich ungeeignet, da erstens eine in der Mitte platzierte Bühne recht weit vom Publikum entfernt ist und zweitens Teile des Publikums die Musiker nur von hinten sehen könnten. Adeles Konzert im Wembley-Stadion im Juni 2017 ist ein gutes Beispiel dafür, wie man dieses Problem löst: Zum einen wurden Teile des Publikums auch auf dem Spielfeld angesiedelt, zum anderen erstellte man eine runde Plattform in der Mitte, auf der sich die Sängerin frei in allen Richtungen bewegen konnte, und zum anderen gab es einen weiten äußeren Ring, auf dem sie – etwa beim Song Someone Like You – während des Liedes einmal rundherum entlangwandeln konnte. Natürlich hat diese Zugeschnittenheit eine (nicht unerwünschte) Nebenfolge: Es gibt eben nur die Ikone – die Begleitband versinkt in der Bedeutungslosigkeit.
Die Zugeschnittenheit
Das Shea Stadium hat als Baseball-Stadium immerhin eine günstigere Form, eher dem zweiten Grundtyp von Stadien vergleichbar, dem Amphitheater – denn ein Konzert ähnelt eben mehr einer theatralen und also gerichteten Veranstaltung als einem Geschehen, das von allen Richtungen aus verfolgt werden kann wie ein Fußballspiel. Die Entfernung vom Publikum freilich blieb. Während die akustische Aufrüstung weniger schwer zu bewerkstelligen war, änderte sich das erst mit dem Aufkommen der Videoleinwände in den Stadien. Man sieht dann eben nicht mehr die Sängerinnen und Sänger oder die Musiker in natura, sondern ihre mediale Repräsentation auf riesigen LED-Schirmen, die dank der Digitaltechnik für die verschiedensten Effekte verwendet werden können. In dieser Hinsicht konnten Adele-Konzerte mit einem Superlativ aufwarten, der in keiner Besprechung fehlen durfte: Zentraler Bestandteil der Bühnenkonstruktion war ein rund 40 Millionen Euro teurer LED-Bildschirm von 220 Metern Breite und 30 Metern Höhe, der ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde.

Wer auf einem der Konzerte war, hat sicherlich sehr viel gesehen und sehr viel gehört. Aber was er gesehen hat, war auf dem LED-Bildschirm, und was er gehört hat, klang so perfekt wie gewohnt. Und Trotzdem hat man nicht gesehen, wie das, was man hören konnte, hervorgebracht wird. Die Musiker waren bei diesem Spektakel so gut wie unsichtbar. Denn die Bildschirm-Repräsentation des Geschehens vor Ort ermöglicht auch seine Manipulation vor Ort: Natürlich wurde nur die Ikone ins Gigantische vergrößert und vervielfältigt.
Dass alles auf die Sängerin zugeschnitten ist, bezieht sich räumlich gesehen auf die durch das Stadion vorgegebene Blickordnung. Schon ein solcher Bildschirm ist ja nur sinnvoll, wenn alle davorsitzen und niemand dahinter. Hier der Plan der gesamten Anlage:

Man sieht die halbkreisförmige Anordnung das Stadions, das von dem LED-Schirm als einer Breitseite abgeschlossen wird. Jeder hat freie Sicht auf den LED-Schirm und im Prinzip auch auf die wirkliche Sängerin, die sich vom Zentrum aus, wo die Musik herkommt, im rechten Winkel zum LED-Schirm auf einem 93 Meter langen Laufsteg frei bewegen konnte und dazu auch auf einem weiteren ringförmigen, einen Halbkreis beschreibenden Steg. Das war die Nähe zum Publikum, in dessen Genuss freilich nur die Inhaber der teuren Plätze kamen. Die offiziellen Ticketpreise für die Konzerte lagen im niedrigen dreistelligen Bereich bis zu ca. 400 Euro (auf dem ‚Schwarzmarkt‘ dann auch deutlich mehr). Das Konzert der Beatles im Shea Stadium kostete 11 Dollar Eintritt. Es geht aber nicht darum, dass es damals preiswert war und jetzt teuer, sondern darum, dass es damals ein Einheitspreis war. Es waren ja auch alle weit weg und konnten kaum etwas sehen und hören. Die Perfektionierung ermöglicht eine andere Aufteilung des Raums und damit auch eine leichtere Aufteilung der Menschen: Denn diese werden, je nach finanziellem Einsatz auf die ihnen zugewiesenen Plätze gebannt. Die Geschichte von Sport-, Theater- und Musikveranstaltungen ist auch eine Geschichte der zunehmenden Diversifizierung der Zuschauerränge nach ganz unterschiedlichen Parametern, die eine nähere Betrachtung verdiente. Die Veranstaltungsform Einzelkonzert tritt in dieser Hinsicht in Opposition zur Veranstaltungsform Musikfestival, bei dem es traditionell eine Mehrzahl von Darbietungen, freie Bewegungsmöglichkeiten und einen Einheitspreis gibt.
Das totalitäre Environment
Freie Bewegungsmöglichkeiten gab es bei Adele in der Münchener Adele Arena natürlich nicht, wohl aber auf dem Gelände, der eigentlichen Adele World, die man natürlich nur mit einer Eintrittskarte betreten kann. Dort gibt es – wie man auf der interaktiven Karte der Website genauer nachprüfen kann – diverse Food Markets, ein Riesenrad, ein Kettenkarussell, einen Biergarten, verschiedene Merchandising-Zelte und eine Anzahl Photo-Spots. „Die gesamte Gestaltung der Adele World“, teilt etwa Hallo Augsburg aufmunternd mit, „ist von ihrer Karriere inspiriert. So gibt es zum Beispiel eine I Drink Wine-Bar. Inspiriert vom gleichnamigen Lied auf ihrem letzten Album 30. Das Duke of Wellington Pub trägt denselben Namen wie das Pub, in dem Adele ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hat.“ Und noch jetzt kann man auf Ebay für eine Stange Geld kleine Tüten mit Haribo-Herzchen und der Aufschrift Haribo Loves Adele erwerben, die dort verkauft wurden.
Die Perfektionierung nimmt hier also die Form einer Zugeschnittenheit an, die immer größere Ausmaße annimmt, bis schließlich so etwas wie eine Adele World entstehen kann. Das ist nun – wie gesagt – keine besondere Neuigkeit. Dass es ‚maßgeschneiderte Konzerte‘ waren, war an verschiedenen Stellen zu lesen. Und man kann dazu Vieles sagen, was schon oft gesagt und unter dem Oberbegriff der Kommerzialisierung verhandelt worden ist. Hier ging es darum, einen bestimmten Aspekt dieser Kommerzialisierung hervorzuheben: Dass es eine lange Reihe von Verbesserungen ist, die am Ende in die Dystopie und in die Perversion führt. Das liegt zwar offen zutage, muss aber gerade deshalb übersehen werden.
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